Kommunaltalk – Reden über Politik

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Archiv für Mai, 2013

St. Florian lässt grüssen

Erstellt von Johannes Hillebrand am 19. Mai 2013

Ich habe gerade im enter- magazin einen Artikel gelesen habe, der mich zum Nachdenken angeregt hat. Es geht, vereinfacht gesagt, darum, dass es einen neuen Egoismus gibt, der sich hinter gesellschaftlichem Engagement versteckt. Bestes Beispiel sind Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen. Da kämpfen Alt- 68er  Seit an Seit mit jungen Familienvätern gegen Windräder, werden zu Experten für Baugesetze und Emissionsgutachten, stiefeln durch Wiesen und Wälder, um noch eine Wachtel zu finden, die das Bauvorhaben verhindern könnte. Was sich als Dienst an der Allgemeinheit tarnt, ist aber meist mit persönlichen Interessen verbunden. Der Windpark (oder Schweinemaststall oder Biogasanlage) liegt nämlich in direkter Nachbarschaft zum Eigenheim oder der Ferienwohnung . Und wer möchte schon in Sichtweite seiner Terrasse so etwas haben? Eben!

Im Amerikanischen heißt dieses Phänomen (und diejenigen, die es vertreten) NIMBY. Not in my backyard.  Nicht bei mir im Garten. Und das ist meist auch die Motivation. Energiewende? Kindergarten? Unterkunft für Obdachlose? Ja, gerne! Aber nicht bei mir. Man geht im Bioladen einkaufen, engagiert sich im Elternrat und beim Umwelttag. Man nimmt ihnen das auch ab, dass sie sich engagieren und für eine bessere Welt eintreten. Aber sobald die Kreise enger werden… Wir wollen das Gute für die Gemeinschaft, sobald es aber uns einschränkt, wägen wir ab. Und da ist der Windpark, die Biogasanlage plötzlich zu nah.  Was ist schon das ökologische Gewissen gegen den Grundstückswert oder die ruhige Lage. Im Zweifel entscheiden wir uns dann gegen einen Windpark, oder finden Argumente, warum gerade an dem (meinem Grundstück naheliegender) Standort ein Windpark nicht stehen sollte.

Der St. Florian hat eigentlich mit der ganzen Sache nichts zu tun. Er wird zwar in der Redensart immer bemüht, wenn es darum geht, Schaden von einem selber abzuwenden, gleichzeitig aber zuzulassen, das andere Schaden nehmen. Er steckt auch keine Häuser an, sondern beschützt sie (und die Feuerwehrleute, die es löschen sollen). Wir in unserem Egoismus nehmen nicht nur die Sache, sondern auch den Schutzpatron zu Hilfe, um uns vor Unbill zu schützen. Und diesen Egoismus können wir nur gemeinsam überwinden. Denn sobald einer aus einer Solidargemeinschaft austritt, fühlen sich alle anderen benachteiligt.  Es geht also nur alle oder keiner. Es gibt sicher viele Gründe, die gegen Energieanlagen sprechen, die Nähe zu den Orten wo Menschen wohnen, ist sicher einer. Aber nicht jedes Windrad, das über den Baumwipfeln des benachbarten Waldes noch zu sehen ist, beeinträchtigt mich. Und auch der Kinderspielplatz in 50 m Entfernung senkt nicht die Grundstückspreise.  Solidarität ist ein Schlagwort der Sozialdemokratie, und um Solidarität geht es auch,  wenn die Lasten der Energiewende gleichmäßig verteilt werden sollen. Das kann aber nicht politisch gelöst werden, sondern ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

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