Kommunaltalk – Reden über Politik

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Archiv für Januar, 2011

Der Demographische Wandel

Erstellt von Johannes Hillebrand am 10. Januar 2011

Elderly peoble by Dieter Schuetz@pixelio.de

Ich kann es bald nicht mehr hören. Seit mindestens 20 Jahren reden Wissenschaftler, Politiker, Marketingexperten und andere, dass wir mitten im demographischen Wandel stecken. Und nun soll der Wandel auch in Scheeßel angekommen sein. Ok, mein erster Gedanke war, dass die CDU einfach den Altersdurchschnitt ihrer Ratsmitglieder ermittelt hat, und deshalb … Aber lassen wir das.

Aber was ist der demographische Wandel eigentlich? Zum einen etwas sehr positives. Die Menschen werden älter, und sind auch noch im Alter aktiv. Mit 50 dem Sportverein beitreten, mit 60 eine Bürgerinitiative gründen, mit 70 die Weltreise antreten. Aber was ist die andere Seite? Der Anstieg des Altersdurchschnitts wird nicht nur durch die höhere Lebenserwartung verursacht, sondern auch durch geringere Geburtenzahlen. Es gibt immer weniger Eltern, die immer später immer weniger Kinder bekommen. Und das ist der eigentliche Ansatzpunkt für die Politiker: Hier muss ein Trend gestoppt, der zu einer Abwärtsspirale werden kann. Weniger Beitragszahler für mehr Rentner und Fachkräftemangel sind nur zwei Auswirkungen, die wir schon heute spüren. Und neben vielen aktiven Senioren gibt es auch immer mehr, die pflegebedürftigt sind.

Die Frage ist, wie wir mit dem demographischen Wandel umgehen. Nicht alle Aspekte können wir ändern, keiner wird gegen eine höhere Lebenserwartung sein. Anzusetzen wäre hier z.B. bei der Gesundheitsvorsorge, so dass man bis ins hohe Alter fit bleibt. Wichtiger wäre aber, dass wieder mehr Kinder geboren würden. Und da greifen mehre Faktoren ineinander. Der Grund für die sinkende Geburtenrate ist nicht der mangelnde Kinderwunsch, sondern dass die Bedingungen nicht stimmen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das Umfeld am Wohnort sind Faktoren, die viele Paare dahingehend beeinflussen, sich gegen Kinder zu entscheiden. Dabei könnten die Bedingungen viel besser sein. Telearbeit ermöglicht jungen Müttern von zu Hause zu arbeiten oder zu studieren. Und dass Kinderbetreuung auch im Krippenalter ein wichtiger Baustein für die spätere (Aus-)Bildung ist, sollte sich inzwischen überall rumgesprochen haben. Gerade im ländlichen Raum, wo Arbeitsplätze dünn gesät sind, spielen solche Faktoren eine wichtige Rolle. Wer möchte, dass junge Familien am Ort bleiben, bzw. herziehen, muss alles betrachten, von der Schullandschaft bis zur Verkehrsanbindung, von den Freizeiteinrichtungen bis zu der Internetanbindung.

Auf der anderen Seite müssen wir aber auch darauf reagieren, dass wir immer mehr ältere Menschen haben. Auch sie sind darauf angewiesen, eine gute Verkehrsanbindung zu haben, und brauchen Freizeiteinrichtungen, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Gerade der Punkt Mobilität spielt eine große Rolle. Die Erreichbarkeit von Läden und öffentlichen Einrichtungen ist wichtig, um die Attraktivität der Gemeinde auch für die ältere Bevölkerung zu erhalten. Dabei gehen die Anforderungen von intakten und behindertengerechten Bürgersteigen über ÖPNV- Anbindung bis hin zur wohnortnahen Läden. Besonders in den kleinen Dörfern, die nicht über alle Einrichtungen verfügen, müssen Jung und Alt die Möglichkeit bekommen, das Schwimmbad oder den Supermarkt im Nachbarort zu erreichen. Eine Konzentration von Geschäften und Einrichtungen im Kernort darf nicht ohne Ausgleich für die Dörfer passieren. Und sofern möglich sollen Einrichtungen auf den Dörfern verbleiben, um die Einwohnerzahlen stabil zu halten. Eine „Verstädterung“ von kleinen Gemeinden ist keine Lösung und schadet eher.

Unter dem Stichwort „den demographischen Wandel beachten“ gibt es viele Handlungsfelder, angesichts knapper Kassen aber wenig Handlungsspielraum. Hier jetzt bei Einrichtungen für Kinder und Jugendlichen zu sparen wäre das falsche Signal. Warum sollte es einer Gemeinde wie Scheeßel, die viele Stärken hat, nicht gelingen, entgegen dem Trend die Einwohnerzahlen stabil zu halten und ein attraktives Umfeld für junge Familien zu bieten. Sparen ist hier der falsche Weg und beschleunigt nur den Rückgang. Und wer frühzeitig die Weichen gestellt hat, hat sogar einen Standortvorteil gegenüber anderen Gemeinden.

In den letzten Tagen, in Rückschauen und Ausblicken, war viel Lob für die Gemeinde und die vorhandenen Einrichtungen zu hören. Dieses Lob teile ich, meine aber, dass wir dass zum Anlass nehmen sollten, unsere Anstrengungen zu verstärken, und noch mehr auf die Bedürfnisse der Menschen zu achten. Dann schaffen wir es auch, den demographischen Wandel positiv zu begegnen.

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