Erstellt von Johannes Hillebrand am Dienstag 29. September 2009
OK, auf die CDU- Fraktion ist in der Vergangenheit schon viel geschimpft worden. Und auch am letzten Donnerstag machte sie keine gute Figur, das lag aber mehr an der Bürgermeisterin und an dem Ratsvorsitzenden, die sich während der Einwohnerfragestunde ständig in der Defensive befanden. Das lag zum Teil daran, dass sie mit dem geballten Protest nicht umgehen konnten, fast schien es als hätten sie sich vorher nicht damit auseinandergesetzt, dass es eine andere Meinung zu dem Thema gab. Und so waren die Versuche, eine normale Ratssitzung mit ca. 80 bis 100 Zuschauern zu machen, die die Zahl der Stühle weit überschritten, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Eine Diskussion zum Tagesordnungspunkt lehnte die CDU von vornherein ab (was sich hinterher als positiv herausstellte, da man so den Tagesordnungspunkt komplett absetzen konnte), und so sollten die Bürger die Einwohnerfragestunde nutzen. Natürlich haben sich nicht alle an die Gepflogenheiten gehalten, dass zum Beispiel der eigene Name genannt wird, und dass man seine Fragen an die Bürgermeisterin oder an die Verwaltung zu richten hat, nicht aber an den Rat. Es war eh für viele schwierig, ihr Anliegen in Frageform zu fassen, andererseits hatte auch der Ratsvorsitzende sichtlich Probleme, Fragen als solche zu erkennen, und ist oftmals gleich zur nächsten Wortmeldung übergegangen, ohne darauf zu warten, ob die Frage beantwortet wird. So wurde zum Beispiel die Kernfrage, die in verschiedenen Formen mehrfach gestellt wurde “Welchen Vorteil hat Scheeßel von einem LIDL- Markt?” nicht beantwortet, obwohl jeder Ratsherr eine Antwort auf diese Frage wissen müsste, wenn er der Änderung des B- Planes zustimmen will.
Neben den Sachfragen (Warum LIDL, warum an diesem Ort, sind Verkehr, Auswirkungen auf die anderen Geschäfte beachtet worden) wurde immer deutlicher, dass viele Scheeßeler vor allem mit der Art und Weise unzufrieden sind, mit der hier Politik gemacht wird. Die Einwohnerfragestunde (der Rest der Ratssitzung wurde dadurch fast zur Nebensache) war ein Beispiel dafür, wie manche die Einbeziehung von Bürgern verstehen. Die Bürger, die sich auf die Sitzung gut vorbereitet hatten (Am Anfang wurden 13 Fragen an den Rat verlesen) wurden mit dem Hinweis brüskiert, dass der Rat (sprich Ratsvorsitzender und Bürgermeisterin) nicht auf die Fragen vorbereitet waren, und sie deshalb nicht beantworten werde. Und so wechselte die Stimmung vom Unmut gegen den Lidl- Markt zum Unmut gegen die Mehrheitsfraktion. Gestandene Bürger meldeten sich zu Wort, und warfen der CDU vor, wie sie mit den Bürgern umspringen. Dass Forderungen nach einer Beteiligung der Bürger in einer direkter Diskussion mit der CDU- Fraktion ignoriert werden. Dass die Informationspolitik der Gemeinde eher dürftig ist. Der Fraktionsvorsitzende der CDU verteidigte sich eher halbherzig mit dem Hinweis, er und alle anderen Mitglieder der Fraktion sind sehr wohl im Dialog mit dem Bürger gewesen, durch direkte Ansprache, Briefe und auch durch Foren (!) seien sie von den Bürgern über deren Meinung informiert worden. Dass viele unter Einbeziehung der Bürger etwas anderes verstehen, dass passt nicht so richtig in sein Verständnis.
Vorsichtige Nachfragen nach der Rolle und Beteiligung des Ratsvorsitzenden an der Vorhaben von LIDL, wer denn eigentlich der Investor sei oder was passiert, wenn LIDL die Immobilie irgendwann nicht mehr braucht, diese Fragen wurden gar nicht erst beantwortet. Und dann drohte die Stimmung endgültig zu kippen, als der Vorsitzende die Fragestunde schließen wollte. Viele fühlten sich einfach nicht ernst genommen, da die Fragen nicht beantwortet oder als nicht begründet abgetan wurden. Der Rettungsanker kam ausgerechnet von einem Befürworter der LIDL- Ansiedlung. Herr Steppat von der UFS regte an, den TOP auf eine spätere Sitzung zu verschieben, und vorher nochmal eine Einwohnerversammlung zu machen. Die CDU wollte darüber erst intern beraten, und zog sich relativ lange zurück. Die Vorschläge, gleich eine Bürgerversammlung und eine Einwohnerbefragung mit der Absetzung zu beschließen, scheiterte am Veto der Bürgermeisterin, die die Abstimmung über diesen Antrag als nicht rechtmäßig betrachtete (Merkwürdigerweise brachte ausgerechnet die CDU Fraktion diesen Antrag am nächsten Tag ein).
Und nun?
Der CDU- Fraktionsvorsitzende sprach sich nun dafür aus, sich Zeit zu lassen, und in Ruhe und unter Einbeziehung der Bürger zu beraten, bevor man zu einer Entscheidung kommt. Ist das das Eingeständnis, es bisher falsch gemacht zu haben, denn von ausführlichen Beratungen und Abwägungen der Argumente konnte bisher nicht die Rede sein. Aber genau das war die zentrale Forderung derer, die sich mit dem Vorhaben auseinandergesetzt haben und aus verschiedenen Gründen dagegen waren. Und auch die Einbeziehung von anderen Gremien wie zum Beispiel den frisch gegründeten Arbeitskreis Kernortplanung war in diesem Verfahren offensichtlich nicht vorgesehen. Dieses der Öffentlichkeit (und wohl auch dem Ratsvorsitzenden) bisher unbekannte Gremium hat zwar bereits zur Entwicklung des Marktquartiers unter Einbeziehung auch des für LIDL infrage kommenden Gebietes getagt, da war aber der Antrag von LIDL noch nicht öffentlich bekannt, wohl aber der Verwaltung. Die nächste Sitzung des Arbeitskreises wäre nach der Entscheidung für die Einleitung des Verfahrens gewesen. Dass die Gemeinde ihre engagierten Bürger vorführt und deren Arbeit als so gering erachtet, scheint hier einmal mehr zu bestätigen, das Bürgerbeteiligung nicht gewünscht ist. Und insofern ist die Frage berechtigt, was denn mit einer “Informationsveranstaltung” (der Antragsteller meinte eine Einwohnerversammlung, in der die Bürger auch aktiv diskutieren und Vorschläge einbringen können) anders wird. Die Bürgerbeteiligung, die ja in diesem Fall, wenn eine entsprechender vorhabenbezogener Bebauungsplan aufgestellt wird, verpflichtend für die Gemeinde ist, bedeutet nicht unbedingt, dass die Einwohner Scheeßels mit entscheiden dürfen. Für eine Bürgerbeteiligung reicht es schon aus, die Pläne zwei Wochen in das Rathaus zu hängen und schriftliche Eingaben zu dem Vorhaben entgegen zu nehmen. Was dann mit den Eingaben passiert, entscheidet die Verwaltung.
Ist es wirklich erst der massive Druck der Bürger, der den Rat dazu bringt, die eigene Vorgehensweise zu überdenken? Und was heißt es für zukünftige Themen in dieser Art, wird man sie nur noch im Geheimen abhalten, um die Einflussnahme durch Bürger soweit wie möglich zu unterbinden? Oder gibt es wirklich die Einsicht, nicht wie bisher weiter machen zu können, damit es nicht eine weitere Abkehr der Bürger (und Wähler) vom Gemeinderat gibt. Scheeßel steht vor großen Aufgaben, was die Entwicklung des Ortes betrifft. Vielleicht glauben einige Ratsmitglieder noch, dass alleine ohne die Bürger zu schaffen, um vielleicht den Ruhm dafür zu ernten. Ich glaube eher, dass wird die Gemeinde auseinander brechen lassen, immer mehr unzufriedene Einwohner und Geschäftsleute werden wegziehen, und den Verbleibenden wird der Ort gleichgültig sein, da sie ja doch nichts ändern können. Von einem Keil, der durch die Bevölkerung getrieben wird, war am Donnerstag die Rede. Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt …
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